Veröffentlichungen, Pressestimmen und Leseproben

Veröffentlichungen:

2012:

  • Eine Wurzel (Erzählung enthalten in: Verlassende Orte [Hrsg: Corinna Griesbach])

2015:

  • Liebe in der Literatur (Essay enthalten in: Ausstellungskatalog der Literaturausstellung “Liebe” - Wien 2015)

2016:

  • Was wir nicht gedacht haben (Erzählung enthalten in: Literaturmagazin “WhyNicht”)

2017:

  • Der Grenzer (Erzählung enthalten in: “Distomo” - Anthologie des Kid Verlag)

  • Blendungsbilder (Romanfragment enthalten in: “Supertexte” - Anthologie des Sisyphus Verlag)

  • Die Bewässerung der Wüste (Roman erschienen bei: Sisyphus Verlag)

  • Eine Hütte im Schnee (Erzählung enthalten in: Bücherstadtkurier Adventkalender)

2018:

  • Ein Abendessen (Erzählung enthalten in: Literaturmagazin “WhyNicht”)

  • Waldgeists warnende Worte (Satire enthalten in: Bücherstadtkurier Adventkalender)

Pressestimmen:

Die Bewässerung der Wüste - Falter (8/2018) Sebastian Fasthuber:

Peter Marius Huemer ist ein Autor, der noch Großes vorhat. Was er in seinen Debütroman verpackt, ist bemerkenswert. Die Stadt, in der die Handlung einsetzt, könnte das Wien von heute sein, aber hier herrscht Krieg – wer gegen wen kämpft, erfährt der Leser nicht. Stattdessen werden ihm die verzweifelten Bemühungen eines alternden, dem Alkohol verfallenen Archäologen geschildert, der in seiner Laufbahn noch eine bedeutende Entdeckung machen will.
Also stiehlt er die guten Ideen einer Studentin. Am Schluss steht er tatsächlich in der Sahara und lässt von Arbeitern die Wüste ausschaufeln, um endlich seinen Fund zu machen. Die besten Szenen in dieser beißenden Satire auf den Forschungsbetrieb haben eine ähnliche Kraft und Komik wie einst Klaus Kinski als „Fitzcarraldo“, der ein Opernhaus im Dschungel errichten will. Ein vielversprechendes Debüt, das auch sprachlich überzeugt.

https://shop.falter.at/detail/9783903125209

Die Bewässerung der Wüste - Literaturhaus Wien (14.3.2018) Erkan Osmanovic:

"Persephone wartete darauf, gerettet zu werden. Es würde jemand kommen, sie von dort aus dem Schmutz, aus dem Dreck heben und mit sich nehmen, an einen sichereren Ort bringen, und sie würde geheilt werden, doch es vergingen Minuten, es verging eine Stunde, es wurde kalt und dunkel, und niemand war gekommen, nur gegangen. Persephone war nun allein mit den Leichen, und ihre Gedanken, die hinter den Klagen der Verletzten kaum zu ihr durchgedrungen waren, kehrten zu ihr zurück." Und schließlich auch das Licht. Ja, Persephone hat den Einsturz des Gebäudes überlebt. Nun erwacht sie im Bett eines Krankenhauses. Erinnerungen kehren zurück – mit ihnen auch Thiel.

Der Archäologe Dr. Thiel existiert. Ohne Ziel und Antrieb. Seine Glanzzeiten als Forscher sind vergangen und im Privatleben scheint es kaum welche gegeben zu haben. Zurückgezogen lebt er in einer Untergeschosswohnung, "wo man Haus an Haus mit dem echten Leben, der echten Welt, doch ewig davon abgetrennt, zu Tausendst übereinander und nebeneinander gereiht lebte". Dann trifft er sie: Persephone. Eine Studentin, die Thiel nicht nur durch ihre Schönheit, sondern auch durch ihre wissenschaftliche Arbeit begeistert. Mit ihrer Seminararbeit Die Bewässerung der Wüste kommt Leben in Thiels Kopf. Aber und vor allem auch in sein Herz: "Sie nickte, die Augen aufmerksam geöffnet, nie gelangweilt, lachte, staunte, kommentierte, aber unterbrach ihn nie. Hin und wieder tat sie ihre Meinung kund, drängte sich aber nicht auf. Sie bewunderte den Archäologen, wollte alles hören, was er wusste, und er gab es dankbar preis." Soviel zu den Erinnerungen Persephones.

Denn nun steht Thiel vor dem Bett der verletzten Persephone. Ob es ihr gut gehe, oder, ob sie verletzt sei – solche Fragen interessieren ihn nicht: "'Sie ist brillant. Deine Arbeit. Unglaublich.' Persephone starrte Thiel vom Fenster aus verständnislos an. 'Du bist da, glaube ich, auf etwas gestoßen. Ich meine, es braucht bestimmt noch einiges an Recherche, ich habe schon ein wenig weiter nachgeforscht, aber dein Ansatz hat mich um Jahre nach vorne gebracht.' Sie wusste nicht, wovon er sprach, und fragte nicht." Das soll sich allerdings bald ändern. Denn mit ihrer Arbeit startet ein Rennen zwischen den Liebenden. Was erwartet sie im Ziel? Anerkennung. Anerkennung für ihr Fach, ihre Forschung, und ja, auch für ihr Leben. Kaum geht es Persephone besser, machen sich die beiden auf den Weg zu einer Fördergeber-Konferenz und scheitern bei der Jury. Der Grund? Nicht das Forschungsvorhaben. Eher die Antragsstellerin und der Antragssteller. Denn im Komitee sitzt auch Persephones Mutter, die neue Landwirtschaftsministerin. Und die hat nicht nur etwas gegen die Forschung ihrer Tochter, sondern auch gegen Thiel. Was folgt ist ein Streit, besser, viele Streitereien zwischen Persephone und Thiel. Schließlich die Trennung: "Persephone hatte die Universität verlassen, mitten im Semester abgebrochen, und er hatte seit ihrem Gespräch mit ihrer Mutter nichts mehr von ihr gehört, den ganzen Sommer nicht." Alles vorbei? Nicht ganz.
Nach einigen Irrungen und Verwirrungen finden die beiden wieder zusammen. Als Paar, aber auch als Forscher stolpern sie nach vorne. Land in der Oasenstadt Massoud. Dort angekommen, geht es ans Ausgraben. Doch was sie in diesen Tagen finden, ist weit mehr als Artefakte. Es sind sie selbst. Ihre Leidenschaft, ihre Träume und ihre Ängste.

Der österreichische Autor Peter Marius Huemer zeichnet in seinem Debütroman das Psychogramm eines Mannes, der zwischen all den neuen Theorieansätzen und Sensationsfunden sich selbst als die Entdeckung schlechthin ansieht: "In einer Welt, in der die Menschen einem anderen zujubelten, gab es nichts für ihn zu tun." Kann Liebe stärker sein als der Drang nach Anerkennung? Kann die Erzfeindin auch die Liebe des Lebens sein? Und wer entscheidet eigentlich, was wichtig ist in dieser Welt? Die Menschen, die Geschichte, irgendwelche Fachgruppen oder man selbst? All diese Fragen wirft der Roman auf und brennt sie ins Gedächtnis der LeserInnen ein.

http://www.literaturhaus.at/index.php?id=11964&L=224

Die Bewässerung der Wüste - Schreibkraft (33) Heimo Mürzl:

Der 1991 in Haag am Hausruck geborene, jetzt in Wien lebende Autor Peter Marius Huemer erzählt in seinem Debütroman von den Verwerfungen des Lebens und den Unwägbarkeiten und Irrwegen eines ungleichen Paares und seines Forscherlebens. Eine Satire auf den Wissenschaftsbetrieb zu schreiben hat Huemer ebenso interessiert, wie einen Mix aus Fakten und Fiktion herzustellen, der nicht nur die Grenzen zwischen Recherchiertem und Erfundenem verwischt, sondern auch den schönen Schein der Kunst- und Wissenschaftswelt durchdringt und offenlegt. Er tut das in einer problemlos lesbaren, zugleich aber erzähltechnisch und sprachlich anspruchsvollen Art und Weise, die dem Leser viele Fragen, aber keine Antworten liefert. Dem herausfordernden Lustgewinn bei der Lektüre tut das jedoch keinen Abbruch. Was den Leser in diesem Roman erwartet, geht weit über eine boshaft-aufklärerische Milieustudie hinaus und verbindet Mythos und Realismus, Forschund und Politik, Beruf und Alltag, Liebe und Konkurrenzkampf, Sexualität und Intellektualität zu einer ebenso faszinierenden wie zeitweilig allzu bemühten literarischen Versuchsanordnung, die die Methode der literarischen Fragmentierung geradezu zelebriert, ohne das große erzählerische Ganze aus den Augen zu verlieren. Immer wieder versucht Huemer in seinem Roman über das in einer Vielzahl von Variationen auftauchende Motiv des Kampfes - um Erfolg, Ruhm, Anerkennung, Macht, Deutungshoheit, Liebe und Glück - dem Sinn unserer Existenz nachzuspühren. Zugleich legt Huemer die zerrüttetem Seelen- und Gemütszustände seiner zwei Romanprotagonisten frei - zwei Individuen, die über dem Abgrund baumeln und beide nach einer rettenden Hand greifen. Einerseits der dem großen wissenschaftlichen Erfolg hinterherhechelnde alternde Archäologe und Teilzeitalkoholiker Doktor Thiel, andererseits die zwischen Genialität und Verzweiflung, Autonomiewunsch und Fremdbestimmtheit, Forscherdrang und Sinnsuche oszillierende Stundetin Persephone. Ein im Herzen Europas tobender Krieg lässt die zwei so ungleichen Kontrahenten aufeinandertreffen. Der Kampf ums Überleben in Kriegszeiten eint sie, während der erbittert geführte Kampf um wissenschaftlichen Ruhm und akademische Anerkennung sie trennt. Die beiden Romanprotagonisten wollen weder die Widernisse des Krieges einfach so hinnehmen noch ihren Traum vom bedeutenden Forschungserfolg aufgeben. Als Leser verfolgt man das Romangeschehen mit zunehmendem Interesse und ist mitunter irritiert von der schizoiden Besessenheit der zwei Romanhelden, die zwischen “noch nicht” und “nicht mehr” fast zerrieben werden. Die Bewässerung der Wüste ist ein trauriges, gleichzeitig aber auch (aber-)witziges Buch, das einen irritierend-klaren und desillusionierten Blick auf die weniger schönen Seiten des Seins hinter dem schönen Schein der (Kunst- und Wissenschafts-) Welt wirft. Während Peter Marius Huemer seiner Romanprotagonistin Persephone am Romanende so etwas wie eine Zukunft zugesteht, ist der alternde Archäologe Doktor Thiel nicht mehr zu retten. Nachdem er in der Sahare von Arbeitern die Wüste umgraben lässt, um doch noch seinen epochemachenden Fund zu realisieren, kniet er mit einer kümmerlichen Lampe ausgestattet in einem tiefen Loch und blickt in eine Kammer voller Knochen: “Die Kammer war erhellt und voller Knochen, und in ihrer Mitte war kein Sarkophag. Nur ein Thron und ein Podest (…) Der Sitz des Throns vor ihm war leer bis auf eine schmale Inschrift, unlesbare Zeichen. Niemand saß da, kein Herrscher, kein Sklave, ein abgewandter Schatten (…) Der Doktor sank auf seinen Thron, schloss die Augen und erinnerte sich, einmal ein König gewesen zu sein.” Peter Marius Huemers Romandebüt erfordert einen Wachen Leser, der die immer wieder reißenden Plotfäden selbstständig zusammenknotet, die vielen Leerstellen füllt und unausgesprochene Zusammenhänge kombiniert und imaginiert. Auch wenn die “sprechenden” Namen und der da und dort zu bemühte Verweis auf die Vergangenheit mitunter aufgesetzt und konstruiert wirken, weiß Peter Marius Huemer in seinem Debütroman mit Originalität und Kunstfertigkeit zu gefallen und weckt das Interesse für zukünftige Veröffentlichungen.

Leseproben:

Natürlich wollen Beschriebenes, Benanntes und Angepriesenes auch genossen oder erlitten werden:

Prosa:

Der Geschmack von Zeit (Roman - Kapitel 1):

In geheiligter Erde am ehemaligen Rand des Zentralfriedhofs könnte sich ein Grab befinden, auf dessen Grabstein nichts geschrieben steht. Es könnte sein, dass auf diesem Stein nur zwei Köpfe eines einzelnen Adlers ohne Krone, ohne Zepter, ohne Schild, einander abgewandt zu erkennen sind. Verwitterte freischwebende Köpfe mit weit aufgerissenen Schnäbeln, aber stumm, weil sie keinen Körper haben, keinen Hals und keine Lunge um zu schreien und jeweils nur ein Auge. Sie können sich nicht sehen, wissen aber, dass sie nicht alleine sind. Unter dem Adler und der geheiligten Erde könnte das alte Skelett eines jungen Mannes liegen, den man weit außerhalb der Sichtweite der Kaisergruft verscharrt hat. Das Kiefer könnte schon lange vom Schädel des Toten gebrochen sein und bis auf das Brustbein gesunken in unendlichem Ausruf versteinert liegen. Bevor er gestorben ist, könnte der junge Mann veranlasst haben, dass man ihm den Kiefer mit einer Schnur am Schädel festmache, damit er seinen Tod verschweige. Und womöglich könnte man seinen Wunsch missachtet haben. Es könnte sein, dass sich niemand an den jungen Mann oder sein Grab erinnert, dass alle Welt die getrennten Adlerköpfe vergessen hat und dass in weiser Voraussicht dessen, nichts auf ihn verweist. Die abgelegene Ruhe könnte dem Ausstrecken, dem Rufen, dem unaufhaltsamen Flehen nicht vergessen zu werden, voraus greifen. Es könnte sein, dass der junge Mann sich hier versteckt. Er könnte sein eigenes Verschwinden organisiert haben, die Verwüstung seines Denkmals betrieben. All das könnte gut sein. Es lässt sich aber nicht nachprüfen, so gut hat er sich versteckt. Niemandem ist es je gelungen sein Grab zu entdecken, denn es ist unauffindbar. Im Wissen dessen, hat es klugerweise niemand je gesucht.

Saalsturm:

Stimmengewirr und Stimmengewitter verschwimmen inmitten des Saals und bilden einen verwirrten Strudel, der nach unten, immer nach unten zieht und in dem es Papier zu regnen beginnt. Papier regnen, als ob Papier vom Himmel käme, aber der Himmel ist nicht hier, sonder nur eine hohe Decke mit langen Lichtröhren. Papier, als ob es aus dem Nichts erschienen wäre, genau wie das Gewirr und das Gewitter und man kann überhaupt gar nichts verstehen, nur vielleicht, vielleicht kann man etwas sehen, etwas ganz vorne erkennen, wo jetzt auf einmal alle, ein paar, wie viele, viele, rennen und die Fäuste schwingen und Banner entrollen, während die Reihen reihum langsam in der Erkenntnis von Unkünstlichkeit verstummen. Das ist echt. Das ist jetzt hier, nicht irgendwann. Das ist echt und jetzt, da wir Inne halten, ist das Gewirr nun kein Gewirr und das Gewitter ist wie mit dem Metronom gestimmt. Blitz auf Blitz und Schrei auf Schrei hallen hier, vielstimmig und hasserfüllt erfüllen sie die Ränge von der sich menschenleerenden Bühne aus. Die Schauspieler sind fort. Sie sind fortgelaufen, zurück zum hinteren Bühnenrand gedrückt, von einem Chor verdrängt, der im Gleichklang Parolen skandierend, randalierend Fahnen schwingt. Ein scheinbares Schauspiel, doch nicht lange, nur kurz, dann kommt Blut aus Flaschen und regnet statt Papier, bringt die Regner selbst in ihrem Chorgesang aus dem Konzept. Gegen diesen zweiten Regen erhebt sich endlich Gegenrede und dem kleinen kranken Chor prasselt Gegenregen, mit drei einfachen Worten, entgegen. Sie sollen raus. Sie sollen gehen. Sie sollen, müssen weichen. Als sei der Chor der Toten und Verdammten aus dem Graben erwacht, schreit die Macht aller Dramaturgen und aller Schau und allen Spiels ins Gesicht der anderen, denn jetzt sind es Andere. Jetzt sind sie ausgemacht, werden raus gebracht mit Gegengewalt und unter Gegenwehr. Und ihr furchtbarer Sprechgesang geistlos abscheulicher Wut wird aus dem Zuschauerraum erstickt, verstrickt sich in sich selbst und weicht stolpernd rücklings vor den Armen und den Stimmen des Publikums. Erst durcheinander, dann synchronisiert, dann immer lauter, immer lauter, immer mehr und strenger auf den Punkt und eine Spur zu lange, sodass auch das beinahe furchtbar wird, vereinigt sich die angegriffene Welt. Sie haben ihre Seite gefunden, sich formiert, sich bestätigt und sind nun mehr Eins als Einzelne und schütteln die Köpfe, nicken sich zu, klatschen und jubeln für die rückkehrenden Schauspieler und sind stolz auf die Tapferen, denn das sind sie, tapfer. Jetzt jedes Wort, jetzt jede Geste feiern. Jetzt klatschen, weil man eigentlich keine Worte hat. Sprachlosigkeit muss jetzt überklatscht werden, sodass wer nicht sprachlos ist, kaum noch zu Wort kommt, bis wir unsere Stimmen wieder finden.

Gehen sie nachhause. Aber nicht allein. Wir können am Heimweg nichts für Sie tun. Oder bleiben sie noch. Aber wir sind nicht ewig hier. Formen sie doch wieder einen Chor im Notfall. Sie haben doch jetzt ihre Seite gefunden. Sie haben sich doch positioniert. Nehmen sie ihre Position ein, wenn es notwendig ist. Wir gehen nachhause. Die Schauspieler bleiben. Die Saalstürmer haben sich zerstreut. Sie sind irgendwo, irgendwo, irgendwo, sagt man uns, verschmelzen mit der Nacht und mit den Passanten, tragen nun keine Banner, verlieren ihr Gesicht und setzten sich ein Neues auf. Nehmen wir unsere Positionen ein wie sie? Geben wir ein Gesicht fürs andere auf? Nehmen wir ein Gesicht für Andere? Stürmen wir Säle, reißen wir Plakate von den Wänden, stecken wir Mistkübel in Brand, schmieren wir unsre Worte über Mauern und..? Nehmen sie Ihre Position ein, wenn es notwendig ist! Auf dem Heimweg können wir nichts für Sie tun.

Was wir nicht gedacht haben:

Wir haben nichts gedacht. In dem Lärm haben wir vergessen, wie das geht, was das ist: Denken. Aber wir spüren immer, dass wir es vermissen, mehr als unser Haus und mehr als unsere Eltern oder irgendjemanden. Der Himmel war dort hinter uns immer dunkel aber klar, bot keinen Schutz vor fremden, hoch erhobenen Blicken. Vielleicht kann ich mich auch nur an dunkle Himmel erinnern und habe die anderen auf dem Weg verloren. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht mehr denken kann, sondern nur noch fühlen. Hunger, Kälte, tauben Schmerz. Wo komme ich her? Von Zuhause. Wo das ist? Namen. Ich nenne sie...Zuhause. Man schweigt und geht weiter. Man winkt mich herein und hinaus und in ein Eck mit einer schmalen Eckbank, vom Sperrmüll gerettet. Gespendet, damit ich darauf sitzen kann. Die spitzen Federn unter der Polsterung dringen durch den Stoff da wo ich sitze, aber ich wage nicht mich zu bewegen, um meinen Sitzplatz nicht zu verlieren. Ich weiß gar nicht, warum ich nichts wage. Ich bin doch allein.

Nun nicht mehr. Jetzt sind wir zu dritt, zu viert und stehen auf und gehen weiter und hinaus und in einen Bus und ich schlafe ein. Neuer dunkler Himmel hier und schwarzes Augenliderfirmament. Es rollt und rollt unter mir und ich glaube zu ersticken, weil ich die Dunkelheit nicht atmen kann, aber dann wache ich auf. Ich erwische mich dabei, wie ich an Gesichter denke, die ich nicht mehr kenne und nicht sehen kann und ich erwische mich dabei, wie ich mir vorstelle einen Schluck Wasser zu trinken und eine zu rauchen und dann erwische ich mich dabei, wie ich fluche und höre hinter mir jemanden zustimmend einen Schrei ausstoßen und dann fliegt einen Zeitung gegen das Seitenfenster. Ich schrecke zurück und hoch. Sie bleibt dort einen Augenblick kleben. Alle anderen sind ausgestiegen. Ich bleibe sitzen, verschwinde im Kragen meiner Jacke, wo es warm ist. Weiter warten wir, warten wir, weiter.

Obwohl ein Stimmenschwarm über der Prozession hängt und summt, scheint keiner ein Wort zu sagen. Das Summen von Tausenden ist gar kein echtes Geräusch. In Wirklichkeit gibt es das gar nicht. Es könnte genauso gut still sein. In Wirklichkeit ist es still. Später wird man einmal sagen, wir haben eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Das soll Verwüstung sein? Müll und fremdes Atemrasseln, unseren Schweiß und unser Blut. Man wird sagen, wir haben alle hier, alle, die hier wirklich sind, immer sind, wach gehalten. Und das ist wichtig, denn die sind wirklich und wir nur eine Wilde Jagd, eine Geistererscheinung, die Kinder raubend durchzieht und wieder verschwindet. Besser wieder verschwindet.

Ich möchte etwas wollen, etwas Aktives, etwas Differenziertes, aber eigentlich ich will nur Schlaf essen. Nahrung schlafen. Ich will sein und mein Sein schlägt unkontrolliert in gedankenloser Selbsterhaltung um sich. Ich bin nicht Herr über mich selbst. Es schiebt, Es reist, Es zerrt und ich stürze vorwärts. ... immer vorwärts, in Richtung Heil versprechender Namen, die mich fürchten, mich hassen, wie sie alles hinter mir fürchten und hassen und wie alles hinter mir mich fürchtet und mich hasst. Was ist Es? Und ich weiß nicht warum. Ich weiß. Aber ich kann nicht verstehen, obwohl ich es möchte. Ich habe Hunger. Das macht Angst.  Mir ist kalt. Das ist gefährlich. Ich bin das Sinnbild meiner Verfolger. Gott sei Dank, dessen Bild ich bin, dessen Bild auch die hinter mir und hinter ihnen Zuhause die Verfolger sind.  Bin ich ein Sinnbild, wenn ich keinen Sinn haben darf? Ich habe keinen Sinn und bin also nur ein Abbild, ein Schatten auf der Höhlenwand.  Die Imitation von Sinn. Die Imitation fremden Sinnes. Um drei Ecken verstanden. Dabei ist mein Eigenes verstummt.  Meine Gedanken schweigen gemeinsam mit allem sonst in mir. Ich will doch gar nichts sagen damit endlich Ruhe ist. Aber niemand lässt sich Ruhe.

Wir haben gar nichts gedacht.  Wir haben die Oma zurück gelassen.  Haben ihr gesagt sie muss nachhause gehen ohne Dach und sie hat es mit schwerem Herzen getan. Sie hat sich hingesetzt ohne Wände, in den Wind und ist geblieben. Und als der Alarm gegangen ist, hat sie sich nicht von der Stelle gerührt. Wir sind mit diesem Wind und gegen ihn gegangen. Egal wie und das Wohin war auch so eine Sache, vorwärts, ja, aber wo vorne ist und was es dort gibt, ist man sich nicht immer einig. Man weiß schon gar nicht mehr, wo man die Oma gelassen hat und vergisst ihr Gesicht zuerst. Dann die anderen irgendwann, immer ohne Dach, Zeltbahnziegel und darüber nichts. Die anderen alle irgendwann im Wind.

Alles lärmt und alles brüllt und wütet und trotzdem kann man nichts hören. Jetzt nichts hören, niemals. Es ist so still. So schmerzhaft still. Nur weißes Rauschen voller Geisterstimmen auf veralteten Aufnahmegeräten.  Lasst uns für einen Augenblick lang endlich schweigend schweigen. Statische Hintergrundstrahlung liegt uns ständig in den Ohren. Weiter, weiter, weiter, rauschen, laufen, fahren, schlafen, essen, schweigen, schreiend, hustend, weinend.  Dafür muss aber unser Hunger gestillt sein, unsere Wunden aufhören so lautstark zu pochen und niemand darf sich vor irgendjemand fürchten, denn das ist nie geräuschlos. Dafür dürfen wir niemandem etwas neiden und dürfen nicht beneidet werden.  Erst dann können wir schweigend schweigen. Und die Stille der Gedanken hören. Die Stille der Gedanken stören. Weiter.

Und jetzt nicht den Kopf heben und in einer anderen Sprache sprechen und einen fremden Gott respektieren. Wer ist das? Wer ist mein Gott? Wieso ist mir das nicht egal und dir. Das könnte es doch sein. Das ist zu kompliziert für jetzt, für hier. Das ist für später und dann auch nicht unter uns zwei sondern zwischen denen, die sich über uns streiten, als seien wir ungewollte, ungeborene Kinder, immer unterwegs, eine Woche nur zu alt um uns noch aufzuhalten. Wir sind hier das Thema, das Problem, nicht anders herum. Nicken und den Finger in die Tinte tauchen. Du bist doch jung, du bist doch stark, das kann nicht so schwer sein. Den Mund halten und Fragen beantworten und dann weiter, weiter. Vielleicht ist es am Ende, wenn wir angekommen sein werden, still. Ich spreche jetzt schon leiser als zuvor, hörst du das. Bald wirst du mich gar nicht mehr verstehen, mich nicht mehr sehen und nicht mehr hören. Vielleicht. Wenn wir noch länger unterwegs gewesen sein werden, sollte das jemals geschehen. Wir haben unsere Sachen heute morgen und jeden Morgen gepackt und sind gegangen. Wir haben gar nichts gedacht. Erst jetzt. Und nicht einmal das hier sind unsere eigenen Gedanken.